Russland I

Von der Ukrainischen Grenze durch Suedrussland, die Volga hinauf nach Nishnij Novgorod, durch den Ural zum Altaigebirge, weiter zum Baikal und nach Kjachta zur mongolischen Grenze

Ulan-Ude, Rußland, 07.08.2005 - Stuck in Ulan Ude

Die urspruengliche Planung sah vor, dass Katrin und Juni am Donnerstag in die Mongolei vorausfahren, während ich in Ulan Ude erst einmal mein Visum für die Mongolei organisiere. Dementsprechend trennten wir uns am Donnerstag mit der Absicht, uns in der Mongolei zu treffen.

Ich staunte daher nicht nicht schlecht als ich auf dem Weg zum Konsulat am Freitag morgen die Motorräder der beiden vor meinem Hotel fand. Meine bösen Vorahnungen deswegen wurden bald bestätigt.

Junis KTM Adventure macht Ihrem Namen und dem Moppedfahrerspott (Keine Tausend Meilen) alle Ehre: Der Austauschmotor, den Juni kurz vor der Reise neu gekauft hatte, lieferte kurz nach dem Aufbruch aus Ulan Ude äußerst boese Geräusche aus dem Motor. Die Folge war nicht nur ein abenteuerlicher nächtlicher Rücktransport des Motorrades auf einem Pickup (von dem die beiden auf Ihrer Webseite sicher erzählen werden, sobald die Prioritätenliste soweit abgearbeitet ist, dass wieder Raum für Reiseberichte da ist).

Folge war (und ist) auch ein echt russisches Erlebnis. Ich kontaktiere nach meiner Rückkehr für die beiden einen russischen Motorradfahrer und frage nach einer Werkstatt. Die Adresse, die Jurij mir gibt stimmt mir seiner Privatadresse überein, die ich bekommen hatte. Wir könnten jederzeit kommen.

Erst einmal suchen wir aber mit unseren Möglichkeiten vor dem Hotel nach Ursachen für die Geräusche. Die Suche ist aber sehr schnell beendet als wir bei dem Versuch, Öl abzulassen (um nach Metallspaenen eventuell defekter Lager zu fahnden) feststellen, dass sich auch noch die Ölablaßschraube des (keine 4000 km alten!) Motors nicht entfernen läßt.

Am nächsten morgen fahren wir erst einmal mit dem Taxi zu der angegebenen Adresse. Wir müssen eine Transportmöglichkeit für das nicht fahrbereite Motorrad organisieren. Die Straße, eine tief von Wasser ausgewaschene unbefestigte Piste, liegt etwas außerhalb in einem Viertel ohne fließend Wasser und ist dem Taxifahrer unbekannt (was auch eine Aussage über diesen sein kann). Das Haus selbst ist eine klassisch sibirische Holzhütte, von rostigen Stahlmatten umzäunt und von Bauschutt umgeben. Nachdem der Fahrer von Erkundigungen in der Nachbarschaft zurück ist, frage ich ihn daher gleich nach einer „richtigen“ Werkstatt. Der zeigt auch nach mehrmaligem Nachfragen jedoch nur auf die Hütte. Also klingeln wir.

Jurij ist leider über das Wochenende am Baikal. Anwesend sind nur zwei ältere Herrschaften, deren Verhältnis zu Jurij mir nach wie vor unklar ist. Eine Garage ist zwar vorhanden aber leer mit Ausnahme (immerhin) zweier Motorräder und eines Kuehlschrankes. Die älteren Herrschaften sind aber äußerst hilfbereit und mangels professioneller Alternativen nehmen wir das Angebot an, in der Garage zu basteln. Er, gehbehindert, holt sofort seinen Moskwisch aus dem Hof, spannt einen alten Anhaenger an, faehrt zum Hotel und verlaedt mit uns die KTM. Dabei verzurrt er mit äußerster Sorgfalt die Maschine, was wir für ein gutes Zeichen nehmen.

Wieder in der Garage angekommen, fuehrt er uns in das Kellergeschoss der Garage mit den Worten "Hier gibt es alles". Das ist nur wenig übertrieben. Es wimmelt von Werkzeugen und allerlei nützlichen Teilen, alle rostig, viele funktionierend.

Nachmittags tauchen noch zwei offensichtlich handwerklich sehr versierte Nachbarn auf, die als erstes mal eben die festsitzende Schraube entfernen, ein neues Gewinde in den Motor bohren und eine neue Ölablaßschraube montieren, bevor wir auf Ursachensuche gehen.

Damit sind wir seit gestern morgen beschäftigt. Voll versorgt von Babuschka mit warmen Mittagessen, Abendbrot sowie Tee und zu gleichen Teilen getröstet und unterhalten von einem regelmässig die Garage vollkackendem Hundewelpen sowie einem verspielten Katzenjungen, die beide liebend gern catchen.

Beruhigende Neuigkeiten gibt es keine. Eher sind wir gerade ratlos. Eher mässig beruhigend ist die Tatsache, dass Ulan Ude kein schlechter Ort ist um liegen zu bleiben: Mit der transsibirischen Eisenbahn kann man das Mopped jederzeit in besser versorgte Gebiete im Westen oder Osten transportieren.

Es bleibt (wieder einmal) das Erstaunen über die ungeheure Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Russen gegenüber völlig Fremden. Und Zeit für zu ausführliche Webberichte, wie man sieht.

Ulan-Ude, Rußland, 04.08.2005 - Moppedreise - allein und in der Gruppe

Seit gut zehn Tagen war ich mit Katrin und Juni unterwegs. Kennengelernt haben wir uns auf dem Baikal Schaman, wobei sich mittlerweile herausgestellt hat dass Juni und ich während unserer jeweiligen Reisevorbereitungen schon Mails gewechselt hatten. Da die Wellenlinie stimmte und wir alle auf die Insel Olchon wollten, lag es nahe, zusammen zu fahren.

Die Insel Olchon legt etwa im mittleren Teil des Baikals, ist von anderen Reisenden hochgelobt, laut Reiseführer einer von sieben energetischen Punkten des Schamanismus auf der Erde und in der Tat ein netter, wenn auch nicht spektakulärer Ort.

Ich wäre auch allein nach Olchon gefahren, auch wenn die Irkutsker warnten, die Strecke sei zu einsam für den Fall dass etwas passiert. Das erwies sich als maßlos übertrieben. Die Insel ist nach dem Altaigebirge und Listvijanka der touristischte Ort, den ich ausserhalb von größeren Städten in Rußland kennengelernt habe. Es verteilt sich halt nur alles mehr... – um sich auf der Halbinsel vor Olchon, in dem Stau vor der Faehre und - was insbesondere ausländische Touristen angeht – in Nikita's Guesthouse im Hauptort der Insel wieder stark zu konzentrieren.

Nikita's Guesthouse mit seiner netten Gestaltung, der angenehmen, hostelartigen Atmosphäre, dem guten Essen und den nach europäischen Verhältnissen moderaten Preisen wäre mit Sicherheit auch mein Anlaufpunkt gewesen, wäre ich allein angekommen. Damit hätte ich mit einiger Sicherheit wieder einige neue Leute kennengelernt, vielleicht einige Gruppentouren mitgemacht.

Mit Sicherheit wäre ich nicht allein die Straßen nördlich des Hauptortes so weit gefahren wie in der Gruppe. Die Wege der gesamten Insel sind allesamt unbefestigt und mit teils knöcheltiefem feinen Sand bedeckt. Schon diese Teile sind mit für die Fahrt mit stark beladener Resi auf asphaltierten Straßen mit hohem Druck aufgepumpten Reifen unangenehm zu fahren: Das Vorderrad folgt den kleinsten Längsrillen und rutscht in weicheren Passagen unangenehm quer zur Fahrtrichtung, was für fiese Adrenalinstöße sorgt. Erst mit auf ein Bar reduziertem Luftdruck und dadurch weichen Reifen mit großer Auflagefläche fährt es sich angenehm stabil, fast wie auf Schienen – bis die nächste größere Längsrille Resi zu umso adrenalingeladeneren Schlenkern bringt. Aber nördlich des Hauptortes führen die Wege über längere Tiefsandpassagen. Die sind eigentlich gar nicht so schwer zu befahren: Gasgeben und am Lenker so lange festhalten, bis man umfällt, sich eingräbt, die von Resi eingeschlagene Richtung völlig von der grob angepeilten abweicht oder man durch ist. Allerdings wäre das Abpacken, Aufstellen der Resi und das wieder Beladen allein doch sehr zeitraubend und anstrengend. Zu frustrierend für mich allein. Zu mehreren stellt man halt einfach die beladene Resi wieder in die Senkrechte.

Ebenfalls entgangen wäre mir der auf die Tiefsand-Eskapaden folgende einwöchige Strandurlaub mit Lagerfeuerflair. Und die Fotomotive sind auch variabler als Resi vor irgendeinem Hintergrund. Zumal Katrin und Juni sich ausgesprochen fotogen vor den diversen Hintergründen machen.

Auf der anderen Seite merke ich, dass mich die zufälligen Kontakte auf der Straße mehr anstrengen als bei der Reise allein und von mir auch nicht mehr so freundlich begegnet werden wie sonst. Geht etwas schief (komplizierte russische Verfahren um irgendetwas zu kaufen, kein Wasser im Hotel etc.), reagiere ich sehr schnell genervt, statt die Dinge als Teil der Reise zu begreifen und allenfalls darüber zu grinsen. Ich führe das darauf zurück, dass mein Kommunikationsbedürfnis schon durch die Gruppe gestillt ist.

Ferner ist man insgesamt schwerfälliger, weil auch der kürzeste Cafébesuch oder Stadtbummel irgendwie abgestimmt werden muß. Ausserdem ist man pannenanfälliger. Zwar ist Hilfe im Pannenfall da und sehr willkommen, aber durch jede einzelne Panne wird die ganze Gruppe aufgehalten. In unserem Fall sind jetzt drei Motorräder potentielle Gründe für Wartezeiten.

Sämtliche aufgeführten und nicht aufgeführten Aspekte führen dazu, dass am Ende eine Motorradreise allein etwas völlig anderes ist als die zu mehreren. Nicht besser oder schlechter, aber anders. Jede Art zu Reisen eröffnet Perspektiven, die bei der anderen Art nicht vorhanden wären und schränkt in anderer Art und Weise wieder ein.

Irkutsk, Rußland, 03.08.2005 - Baikal Schaman

Unpünktlich gegen Zehn stehe ich am ersten Tag des Treffens bei „den Frauen“ auf der Matte. Eigentlich ging der Motorradkorso bereits um Sechs in Richtung des winzigen Orts des Geschehens am Baikalsee ab. Aber gewisse Ereignisse des vorigen Abends sorgten für eine morgendliche Beinlähmung bei Alex und mir.

Der Weg zum Treffpunkt fuehrt 130 km über erst asphaltierte dann unasphaltierte, schließlich über mehrere hundert Meter Schlamm und Pfützen zu einer relativ grossen Ebene ohne Wege, auf der sich hervorragend und mit sehr viel Spaß fast grenzenlos mit dem Mopped herumpesen läßt. Fast. Um die Spannung zu erhöhen, ist in die Ebene zum einen ein Flüßchen, zum anderen mehrere Gebiete mit tiefen, unter Gras verborgenen Rillen und Löchern eingebaut. Letztgenannter Umstand führt am Abend des ersten Tages dazu, dass beim gemeinsamen Ausgraben der Resi irgendwie die Schlösser zum Anschliessen meiner Alukoffer an den Träger verloren gehen.

Neben dem Begehen von Dummheiten ist meine Hauptbeschäftigung in den nächsten Tagen das Mästen lassen mit diversen Leckereien das Ablehnen von Vodkas. Sowohl meine Gastgeber als auch ich unterliegen dabei Lernprozessen. Während meine Gastgeber schnell raus haben, dass ich mich durch den Schlachtruf „Russian Tradition“ durchaus zum einen oder anderen klaren, trüben, aromatisierten, unaromatisierten, scharfen, milden gekauften oder selbstgebrannten Kartoffelschnaps überreden lasse, brauche ich einen sehr kurzen ersten Abend um zu merken, dass der Schlachtruf manchmal eben auch nur Masche ist.

Ausserdem treffe ich auf dem Treffen mit Michael und Bernd, auf dem Rückweg von einer Tour in die Mongolei mit Ihren MZ Zweitaktern, sowie mit Katrin und Juni die ersten ausländischen Motorradtouristen die im Gegensatz zu den vermaledeiten Tschechen nicht nur anhalten wenn ich freundlich winke, sondern die sogar mit mir reden.

Naturgemäß sind wir Deutschen durch unseren Mangel an Sprachkenntnissen etwas weniger involviert in die Aktionen, bekommen sie teilweise gar nicht mit. Dafür laufen für uns Deutsche andere Aktionen: Ich komme zu meiner ersten Gummibootfahrt in einem mintgrünen Gummiboot (und das auch noch auf dem Baikal!) mit einem Kapitän, für den auf Land mit dem Gummiboot über dem Kopf Windstärke zehn zu herrschen schien, der aber mit dem Boot unterm Po tadellos gradeaus ruderte. Und ich komme zu meinem ersten Bad im Baikal. Freiwillig und ohne irgendeinen Zusammenhang mit der Gummibootfahrt.

Im übrigen unterscheidet sich das Meeting nicht wesentlich von einem europäischen Treffen Moppedangucken, Fahrkünste zeigen, Techtalk, Stände, Feuer (sogar ein Feuerwerk!), Auftritte von Bands die besser unbekannt bleiben, aber für Stimmung sorgen etc. Wir Deutschen haben allerdings den Eindruck, dass in Sibirien etwas weniger Programm stattfindet und sich die Moppedfahrer der einzelnen Städte mehr mit sich beschäftigen als in Deutschland. So haben die Irkutsker zum Beispiel ein eigenes Areal mit Schnur für sich abgegrenzt (in das ich ebenfalls eingewiesen werde), in dem es einen Musikwagen, Aufenthaltszelt, Küche komplett mit Kebabmaschine und gleich mehrere Lastwägen mit Vorräten gibt.

Irkutsk, Russland, 02.08.2005 - Ende der Raserei

Mit dem Gefühl des Zeitdrucks durch meine Bummelei im Ural bin ich jetzt eine ganze Weile fast jeden Tag gefahren. Selbst meine Besichtigung des Altai-Gebirges waren im wesentlichen Tagestouren. Verstärkt wurde das Gefühl noch durch eine SMS von Alex und Carsten, wonach am Baikal am 20. Juli ein Bikermeeting stattfindet, sie wüßten aber nicht wann und wo genau. Da wollte ich wenn möglich hin, bisher habe ich ziemlich zuverlässig immer gerade so das nächste Treffen um kurze Zeit verpaßt.

Dummerweise ist Irkutsk touristisch ziemlich erschlossen, weshalb ich am 19. Juli am späten Nachmittag etwas ratlos vor meinem Motorrad vor dem Hotel Arena stehe. Gerade hat man mir mitgeteilt, dass ich allenfalls für eine Nacht ein Zimmer bekomme und rätsele, ob ich weiter volle Hotels abklappern möchte, mit vollem Gepäck jeden Tag umziehe oder auf ausbleibende Gäste am nächsten Tag spekuliere.

Genau in dieser Pause schießt ein stattlicher glatzköpfiger Mann aus einem benachbarten Café, reicht mir gleich die Hand, begrüßt mich dann und sagt, „Andreij, tosche Biker.“ Damit hat er alle drei Merkmale erfüllt, um mein volles Vertrauen zu gewinnnen. Während die normal aufgeschlossenen Passanten erst einmal lang und breit das Woher, Wohin und vor allem die technischen und finanziellen Daten der Resi erfragen, kommen die Moppedfahrerkollegen immer auf diese Weise mannhaft-direkt zur Sache.

Genauer gesagt hat Andreij nicht nur mein Vertrauen, sondern mich gleich ganz am Hals: Eine Wartung der Resi ist überfällig, ich brauche Öl, verschiedene andere Teile, eine Werkstatt, um den Service zu machen – und wann und wo ist dieses verflixte Bikertreffen?

Alles kein Problem, das Treffen – Baikal Schaman genannt – wird in Andreijs Café beworben und findet am folgenden Wochenende statt, zwei Tage später als von mir angenommen. Ist mir sehr recht, bleibt noch etwas Zeit für Irkutsk. Und was den Rest betrifft, schwingt Andreij sich persönlich in seinen Ford Bronco, kauft mit mir ein und führt mich zu einer Werkstatt.

Abends gibt es noch eine größere Überraschung: Auf dem Treffen der Moppedfahrer, das es in Irkutsk wie in jeder größeren Stadt an sonnigen Tagen gibt, stellt Andreij mir Alex vor. Der ist zwar in Irkutsk geboren, aber in Vechta (!) aufgewachsen und hat dort auch eine ganze Weile gelebt. Der freut sich über die unerwartete deutschsprachige Begegnung genau wie ich und besteht zu meiner doppelten Freude – zur Hotelsuche blieb nicht viel Zeit neben der Arbeit an Resi – darauf, dass ich die restlichen Nächte bei ihm und seiner Freundin übernachte und sorgt für interessante und unterhaltsame Zeit in Irkutsk.

Krasnojarsk, Russland, 17.07.2005 – Hasen und Igel

Von Yekaterinenburg aus werden die Routen durch Rußland Richtung Osten weniger vielfältig und konzentrieren sich auf die M 52. Dementsprechend treffe ich ab jetzt ab und zu auf Reisende. Die meisten sind Russen auf dem Weg ins Altai oder an den Baikalsee. Von den ausländischen Touristen sind die Mehrzahl zu meiner Überraschung Fahrradfahrer. Um genau zu sein: Ich habe drei ausländische Fahrradfahrer und zwei Motorradtouristen getroffen, die zwar winkten, aber nicht mal anhielten. Habe danach beschlossen, keine Tschechen mehr zu mögen. Durch das Buschtelefon habe ich erfahren, dass es zwei Tschechen waren, die auf dem Rückweg aus der Mongolei sind.

Was mich überrascht ist das Tempo der Radler: Ralph, ebenfalls am 11. Mai Richtung Vladivostok gestartet, treffe ich kurz vor Omsk; Lewis und Graham, seit dem 5. Mai mit dem Ziel Mongolei unterwegs, kurz vor Novosibirsk. Letztere machen mich tatsächlich wie der Hase fuehlen und gucken lassen, als mich Lewis unmittelbar nach meiner Ankunft in Krasnojarsk vor dem Hotel begrüßte, sie seien schon seit gestern da. Ich hatte zwar einen Umweg von über Barnaul und das Altaigebirge gemacht, dennoch ...

Das macht mir aber schnell nichts mehr aus als mir die beiden von ihren persönlichen Igeln erzaehlen. Neben dem drohenden Winter (nach Mitte August kann man sich wohl recht zuverlässig auf kaltfeuchtes Wetter in Sibirien freuen) sind das viele kleine stechende Viecher. „Nur nicht anhalten“ heisst die Devise, denn angelockt von halbnackten wunderbar schweißtriefenden Männern kommen sie in Scharen zu jeder Tageszeit. Sie halten bis zur Abenddämmerung besser den Fahrtwind aufrecht, bauen dann mit ruckartigen Bewegungen ihr Zelt auf, öffnen Ihr Moskitonetz für Sekunden und hechten hinein. So kann man dann auch gepäckbeladen und über teilweise schlechte russische Straßen durchschnittliche Tagesetappen von 150 km schaffen.

Barnaul, Russland, 13.07.2005 – Meditatives Moppedfahren

Mit frisch geflicktem Reifen gehe ich dann auf große Fahrt. Novosibirsk ist meine letzte Chance, dem Pazifik noch Reifen in meiner Größe zu bekommen und daher ein erstes Etappenziel. Dann kommt mit dem hochgelobten Altai-Gebirge ein weiteres größeres Zwischenziel, das ich mir nicht entgehen lassen will.

Hinter dem Ural wird es deutlich leerer. Ich merke es vor allem an den Abständen zwischen den Cafés am Straßenrand. Alle Stunde oder zwei halte ich in der Regel an solch einem Café an, trinke Kaffee und vor allem unterhalte ich mich mit den Leuten vor Ort – Allein Reisen macht gesprächig ... War vor dem Ural noch alle fünf oder zehn Kilometer ein Café zu finden, messe ich jetzt zwanzig, vierzig, sechzig Kilometer grünen Nichts, bevor endlich wieder ein Haus am Straßenrand auftaucht. Das muss nicht unbedingt ein Café sein. Die verstecken sich in der Regel gut hinter unscheinbaren bis häßlichen Mauern, das „Café“-Zeichen gut versteckt. Eindeutige Beschilderung gibt es nur bei den ganz neuen Cafés.

Gleichzeitig führen die Straßen monoton geradeaus, sieht man vom Slalom um die Schlaglöcher ab (und selbst die verschwinden hinter Omsk – nirgendwo so gute Straßen wie in Sibirien!). Das Tempolimit liegt bei 90 km/h, bei Ahnungen von Kurven oder sehr schlechten Abschnitten auch auf 60 oder 40 km/h – jeweils streng überwacht von der Milizia. Damit liegt meine Tagesleistung eines Zehn-Stunden-Tages mit vielen Pausen bei etwas über 400 km, was von den Russen als „normal“ eingeschätzt wird.

Ich singe auf diesen Strecken viel, träume, die Gedanken treiben und treiben – es dauert ein Weilchen bis realisiert wird, dass da vorn ein dunkler Fleck naht, der ein Haus, nein, sogar ein Café sein koennte. Während das Gehirn langsam aufwacht, scannen die Augen schon angestrengt nach dem Schildchen oder einer verdächtigen Ansammlung von LKW vor der Hütte. Bis das Café als solches erkannt ist und das Gehirn nach kurzem Systemcheck meldet, dass ein Kaffee doch ganz nett wäre, ist das Gebäude schon passiert. Dann beginnt Phase 2 der Gedankenarbeit: Umkehren? Die Entscheidung verläuft allerdings in der Regel im Sande, da das Gehirn mittendrin schon wieder auf Stand-by schaltet und ich wieder am Träumen bin – Kaffeepausen sind selten in Sibirien.

Vor Omsk übernachte ich in einer kleinen alten, stark an die Sovietzeit erinnernden Gastiniza mitten auf der Strecke. Und habe am nächsten Morgen einen juckenden Rücken. Reihenförmig angeordnete Quaddeln unter dem T-Shirt, wo normalerweise keine Mücken hinkommen – mein Medizinbuch tippt auf Bettwanzen. Vielleicht ist es Gewohnheitssache: Werner Bausenbart, ein pensionierter Literaturprofessor aus Kanada, hat sich auf einer ähnlichen Reise irgendwo die Krätze eingefangen und zwar sich wild schubbernd, aber seelenruhig die Reise beendet. – Ich bin längst noch nicht so weit, flüchte, koste was es wolle (und das tut es ...), in ein Businesshotel in Omsk, lasse meine Wäsche nach längerer Zeit mal wieder von einer Maschine statt von meinen Händen kneten, dusche mich und alles körpernahe was ich so finden kann mehrfach ausgiebigst und bete, dass die Wanzen nicht noch hartnäckigere Freunde mitgebracht hatten.

Tjumen, Russland, 05.07.2005 – Sibirien, Tag Eins

Heimtückisch begrüßt mich Sibirien mit einer Geschäftsinhaberin, die mich mit Lebensmitteln und Getränken zuwirft, bis ich mich weiteren Geschenken mit Hinweis auf das zulässige Gesamtgewicht der Resi entziehe (was sie aus meinen Gesten und Lauten entnommen hat, weiss ich nicht) und mit Autogrammjägern, die unbedingt auch meines haben wollen. Dem Wunsch komme ich grinsend nach.

Wenige Stunden später ist mir das Grinsen vergangen, als ich entfernt von größeren Staedten auf einem matschigen unbefestigten Weg auf der ausrollenden, nach rechts ziehenden Resi sitze. Ich brauche gar nicht erst abzusteigen. Ich weiss, dass mein großer Angstgegner das Spielfeld betreten hat: Ein platter Reifen. In Deutschland hab ich bei Übungsreifenwechseln jämmerlich versagt, ich habe nicht genügend Kraft um den Mantel von der Felge zu bekommen.

Um das ganze rational anzugehen, erstelle ich eine kurze Bilanz. Die fällt eigentlich ganz positiv aus: Ich habe Essen und trinken für eine ganze Weile und die Hoffnung, beides nicht aufbrauchen zu müssen. Ferner habe ich heute Nachmittag auf dieser Straße schon zwei Autos gesehen habe, zur Not kann man also auch auf Hilfe hoffen. Zudem habe ich eigentlich alles Werkzeug dabei, um das Problem zu beheben und noch sechs Stunden bis zum Sonnenuntergang um Elf und der Regen hat auch schon vor ner Weile aufgehört. Auf der Sollseite steht natürlich der platte Hinterreifen, daneben nur der nasse Dreck auf der Straße, ferner die Tatsache, dass neben der Straße vor lauter Bäumen und Sträuchern kein Platz ist, um das Zelt aufzustellen.

Nach dem Abpacken noch in Ruhe Angstwässerchen lassen, dann anfangen zu Arbeiten. Das mit dem Wässerchen ist ein geheimer Zaubertrick von mir. In Deutschland nutze ich ihn, um Leute dazu zu bringen, mich anzurufen oder an der Tür zu klingeln. Und siehe da – es klappt auch in Sibirien. Der Lieferwagen – das letzte Fahrzeug, das ich heute auf der Straße sehe – läßt mir kaum Zeit, den Reissverschluss wieder zuzumachen, bevor er neben mir hält.

Dem Lieferwagen entsteigen drei gutgelaunte Russen, die gleich sehen wo es hakt, noch launiger werden („Russische Straßen keine Autobahn“ – Hab ich das nicht schon mal ähnlich gehört?) und anfangen rumzuspielen. Man kann zum Beispiel unter grossem Palaver meine Reifenmilch im Reifen versenken (ich kann sie nur schwer davon abhalten, auch die zweite Flasche Reifenmilch in den einen Reifen zu gießen), danach feststellen, dass weder mein Kompressor noch meine Pressluftpatronen Druck auf den Reifen bringen, die russische Fusspumpe reparieren und feststellen, dass diese auch keinen Druck auf den Reifen bringt. Meinen halbherzigen Vorschlag, den Reifen vor Ort auszubauen und den Schlauch zu flicken, finden sie nicht so toll. Zum Glück, ich nämlich auch nicht.

Die Alternative, zum Reifenflicker zu fahren, sieht allerdings anders aus als von mir erwartet. Ich dachte, wir bauen das Rad aus, fahren es zum Reifenflicker, bringen es anschliessend zurück und bauen es ein. Statt dessen kommen Gepäck, Resi und ich auf die Ladeflaeche und ab geht die Post, mehr als eine Stunde durch die Schlaglöcher zum nächsten Reifenflicker. Derart heftig, dass mir die Resi vom Hauptständer springt und ich mich in rasender Fahrt in den Sattel schwinge, a) um sie am Fallen zu hindern und b) um mich unter ihr wegzubewegen. Wäre sie, hätte ich mich neben ihr und nicht im Sattel befunden, gefallen, dann auf mich.

Am Ende des Tages bin ich high. Von der Aufregung, von den Abgasen, die aus dem kaputten Auspuff des Lieferwagens unter die Plane krochen, und wieder von der Freundlichkeit der Leute. Weder die drei Jungs vom Lieferwagen noch der Reifenflicker wollten Geld von mir annehmen. Achja, der Reifenflicker hat mir noch seine Garage für die Resi über Nacht zur Verfügung gestellt und mich zum Essen eingeladen.

Tjumen, Russland, 05.07.2005 - Nishnij Novgorod und der Rest Europas

Von Samara aus liegt Nishnij Novgorod nicht unbedingt auf dem Weg, wenn man nach Osten will. Dementsprechend stand dieses Etappenziel in Samara stark zur Diskussion. Aber auf der einen Seite bin ich unglaublich gespannt darauf, wie die Stadt heute aussieht, auf der anderen Seite hilft Alex ein wenig nach, indem er mich auf der richtigen Straße Richtung Nordosten verabschiedet.

Jedenfalls trete ich den Umweg von fast 2000 km an. Und es lohnt sich. Hatte ich erwartet, nach der erlebten Verwestlichung der Volgastädte koenne mich die Veränderung nicht großartig beeindrucken, nach ich mich getäuscht. Leider habe ich meine Fotos von 1990 nicht wiedergefunden, ich hätte gern Vergleichsbilder gemacht und ins Netz gestellt. Alle alten Gebäude, die vor 15 Jahren ockergräulich trostlos aussahen sind herausgeputzt und die Wolgaterassen im Sommer sehr schön, vor allem bei ein paar Bier. Die geniesse ich mit einigen netten Leuten an mehreren Abenden. Die Zeit gönne ich mir, das Etappenziel Nishnij Novgorod nehme ich zum Anlass, mir ein langes Wochenende Auszeit vom Motorradfahren zu nehmen.

Die Auszeit gibt auch Zeit zum Rechnen: Ich habe mehr als die Hälfte meiner Reisezeit bis August gebraucht, um weniger als die Hälfte der Strecke bis Vladivostok zurückzulegen. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass ich eigentlich noch längere Zeit im Altai-Gebirge, am Baikalsee und wenn möglich noch in der Mongolei verbringen wollte. Alles zusammen ist schlecht in die verbleibenden sieben Wochen zu realisieren. Zumal die Strecke zwischen Tschita und Chabarovsk so schlecht ist, dass volle zwei Wochen Fahrt für diese zweitausend Kilometer veranschlagt werden sollten.

Auf einmal habe ich, was ich auf dieser Reise vermeiden wollte: Zeitdruck.

Mein Drang, jetzt Kilometer zu machen, scheitert allerdings nach wenigen Tagen erst einmal wieder an der unglaublichen Gastfreundschaft der russischen Moppedfahrer, diesmal der aus dem Ural. Vadim, Vladimir und all die anderen bescheren mir ein ausgesprochen nettes und interessantes Wochenende im Ural bevor ich mich über die europäisch-asiatische Grenze auf nach Sibirien mache.

Samara, Russland, 24.06.2005 – Lord of the Rings - Featuring Goblin

Als Alex mich Richtung Arbeit verlässt, plane ich eigentlich, in die Innenstadt ins Internetafe zu gehen. Aber Alex befürchtet, dass ich verloren gehe, mein Antrag auf Besuch eines Internet-Cafés wird abgelehnt. Ich bekomme Hausarrest bei DVDs und Kater Max (der den netten Spitznamen „Gagarin“ trägt. Nicht nur, weil er ständig wie von einer Rakete getrieben in der Wohnung herumflitzt, sondern, weil er im Eifer des Gefechts auch schon mal durch ein offenes Fenster oder über die Balkonbrüstung hinausschiesst, eine saubere Parabel Richtung vier Stockwerke tiefer gelegenem Rasen beschreibt, um dann genauso unverletzt und stolz dem Staub seines Aufschlages zu entsteigen wie der große Kosmonaut nach seiner Bruchlandung).

Die DVDs der russischen Version von „Lord of the Rings“ sind ein unerwartetes Vergnügen. „Goblin“ ist ein St. Petersburger Künstler, der die Tonspuren aktueller Filme bearbeitet. Die Originalstimmen werden von ihm übersprochen und die Effekte überarbeitet (so ertönt z.B. in der dicksten mittelalterlichen Schlacht schon einmal Maschinengewehrfeuer. Mein Lieblingseffekt: Der böse Zauberer Saruman nimmt mittels Kristallkugel Kontakt zur bösen Macht auf - und es ertönen die typischen Töne und das Rauschen eines sich einwählenden Modems).

Das schönste ist aber, dass der Originalsoundtrack durch einen wilden Mix alter, neuer, Ost- und Westhits ersetzt wurde. Wilder Mix, aber nie ohne ironische Anspielung: Gandalf fällt im Kampf mit einem Ungeheuer in eine tiefe Schlucht: "Fly like an Eagle". Die menschlichen Mitglieder der Gruppe eilen ihren Hobbitfreunden zur Hilfe: „Tu m'a promis“. Aus dem Nichts tauchen Reiter zur Hilfe von irgendwem auf: Alte Westernmusik erklingt. Saruman spricht zu seinen Kreaturen: Rammstein („Hört Ihr mich? – Wir hören Dich!“). Wie überhaupt Rammstein für die böse Macht steht.

Viel Spass gehabt, den Nachmittag.

Samara, Russland, 24.06.2005 – Alex in Samara

Auf meiner Tour nach Nishnij Novgorod ist Samara ziemlich ab vom Schuss. Aber ich habe Schwierigkeiten mit dem Zoll in Saratov, die Registrierung für Resi wurde wider Erwarten nicht verlängert. Die Folgen für unterlassene Verlängerung sind schwerwiegend: Beschlagnahme der Resi und eine Geldstrafe, die mein Reisebudget aufzehrt.

Der Abstecher nach Samara ist aus zwei Gründen sinnvoll: Zum einen haben die anderen vier Freiburger hier ohne Probleme ihre Registrierung verlängert bekommen. Zum anderen liegt Kasachstan nur wenige hundert Kilometer weg. Bevor ich mir Resi wegnehmen lasse, reise ich aus. Werde an der kasachischen Grenze abgewiesen, um dann neu in Russland einzureisen – mit neuer Kurzzeitregistrierung. So Plan B.

Die Freebrothers in Saratov, die mir trotz aller Diskussionen mit den Zollbeamten nicht weiterhelfen konnten, geben mir noch die Telefonnummer von Pawel in Samara, der aber an dem Morgen, an dem ich ihn anrufe leider im Ort ist, mir aber den Kontakt zu Alex vermittelt.

Als erstes nimmt sich Alex mal den Rest des Tages Urlaub, um für mich, den ihm völlig Fremden, die bürokratischen Probleme zu lösen. Sein Chef macht da keine Probleme, Touristen (zumal Bikern) muss geholfen werden, wenn es gegen die Behörden geht.

Dann fischt Alex mich in der Innenstadt auf und führt mich zu einem anderen Biker, ebenfalls mit Namen Alex, der praktischerweise Leutnant bei der Strassenpolizei und damit kein ganz kleines Tier mehr ist. Der hat nicht nur die nützliche Lizenz zum Zusammenstauchen von uniformierten Türstehern und Telefonschranzen – Balsam für meine in Saratov verletzte Seele –, sondern auch eine imposante Visitenkarte, die uns am nächsten Tag den direkten Weg zu den Sachbearbeitern ebnet und uns so noch mehr Wartezeit erspart.

Erst einmal muß Polizei-Alex allerdings herausfinden, was genau zu tun ist. Damit ist der Rest des Tages für Alex und mich bürokratiefrei. Alex hat längst beiläufig festgelegt, dass ich natürlich nicht in einem Hotel schlafe und führt mich also in seine Wohnung in einem Außenbezirk. Danach geht er doch noch ein paar Stunden arbeiten, um mir abends mit Freundin Tanya etwas die Stadt zu zeigen.

Meine russischen Freunde erklären mir zwar immer wieder, dass ich nur ein kleines Problem hätte. Dennoch braucht es 78 Staukilometer, eine zweistellige Anzahl verbrauchter Stunden und einen weiteren von Alex frei genommen Tag, dann habe ich meine Verlängerung der Registrierung für die Resi in der Tasche.

Immerhin haben wir in den Wartezeiten und an den Abenden viel Spass. Nach zwei Nächten bei ihm, viel Spass mit den beiden Alex, Sascha und ständig bestens bekocht von Alex' Freundin Tanya fällt mir der Abschied schwer schwer wie selten zuvor.

Samara, Russland, 22.06.2005 – Nette Begegnungen, täglich Brot

Sie finden Dich. Immer. Russen, Biker, Kombinationen hiervon und andere nette Menschen und bunte Vögel.

Zum Beispiel Nikolas. Weder Russe, noch Biker. Franzose, Exlegionär in der Somaliakrise, Exrestaurantbesitzer in Toulouse, Freund vieler französischer Rugbystars, Extoilettenimporteur nach Russland, nunmehr seit drei Jahren Sprachstudent in Astrachan, der auf das ganz grosse Geschäft in Russland hofft. Er spricht mich an, bevor mein erster Kaffee in Astrachan geleert ist, zeigt mir die besten Bars (was für mich einen Tag lediglich leichten Touriprogramms zur Folge hat) und stellt mir seine – Franzose! – beiden Freundinnen vor. Nicht ohne sich auf dem Weg von Freundin 1 zu Freundin 2 über gewisse organsisatorische Schwierigkeiten in einer so kleinen Stadt wie Astrachan zu beklagen, zumal wenn man so bekannt ist wie er.

Oder Joy und Sascha, zwei von sieben ihnen bekannten Bikern in Astrachan, die mich auf der Suche nach Öl für den fälligen Ölwechsel in finden. Klar, dass sie mich zur Werkstatt begleiten. Und völlig klar, dass sie die Wartung machen. Widerspruch (schliesslich ist das meine Resi, und damit auch meine Arbeit) vergeblich, die Sache geht so fix, dass ich den Überblick bei der Kontrolle verliere und nur hoffen kann, dass alles seine Richtigkeit hat. Die Chancen stehen gut. Beide haben sich auf Ural- bzw. Dnjeprbasis Custombikes gebaut (mit Rückwärtsgang!). Sascha zeigt mir sein nächstes Projekt: Ein Rahmen mit Gabel, in der die Holme in den Standrohren festgerostet sind, sowie ein Haufen rostiger Metallteile. Die Zahnräder für das künftige Getriebe trägt Sascha an einem Draht aufgezogen mit sich herum. Wer daraus ein Mopped baut, kann basteln.

Das Gegenteil eines Bastlers ist Talgat, BMW-Fan durch und durch, dem ich auf dem Rückweg von Sascha ebenfalls in Astrachan über den Weg fahre. Er sitzt auf einer fast brandneuen BMW R 1100 S, ein Sportmaschinengeschoss, und rührt keine Hand an dem Ding. Ist was an dem Mopped zu arbeiten, packt er es in seinen Lieferwagen und fährt zum nächsten BMW-Händler. Nach Moskau. Drei Tage hin, drei Tage zurück. Erzählt mir aber, ich sei verrückt.

Ferner die Motelbesitzerfamilie, die mich in die Familie aufnimmt, nachdem ich nach zwei Stunden starkem Gewitterregen die Nase voll habe und angesichts ihres Werbeschildes den Tag vorzeitig für beendet erkläre. Mich überrascht nicht was folgt, nachdem ich festgestellt habe, dass ich der einzige Gast bin: Bliny (Art Pfannkuchen), kiloweise Erdbeeren (jeweils in Sauerrahm schwimmend), Vodka. Nach einigen Vodka fällt der Mutter ein, dass in der Nähe ein Platz ist, an dem man einen wunderbaren Blick über die Volga hat. Starkregen hin oder her, den muss – und will! – ich sehen. Zeit Schuhe anzuziehen bleibt nicht, ich werde in Badelatschen in den altersschwachen Volvo bugsiert, warte dort noch 10 Minuten bis Muttern die notwendigen Erdbeeren und, Plastikbecher und zwei Flaschen Vodka zusammengesammelt hat und los geht es. Auf dem Hügel fällt ihnen nach weiteren Gramm Vodka ein, dass ich unbedingt die Datscha sehen muss. Die befindet sich am Fuss des Hügels am Volgaufer und zu ihr führt eine steile Stichstrasse, die momentan zu wesentlichen Teilen aus Schlamm besteht. Ich überlege noch, ob wir da wohl wieder rauf...- Nein. Jedenfalls nicht bevor 140kg-Papa und *zensiert*-kg Lars auf die Rücksitzbank umsteigen. Zentimetertief bereue ich beim Umsteigen nach hinten mein mangelndes Durchsetzungsvermögen in der Schuhfrage. Die Motelwahl bereue ich nicht.

Als letztes Beispiel Vladimir, Sergeij und Nikita von den Freebrothers MC aus Saratov, die mich in gehobener Stimmung an einem Sonntagmorgen nach viel einfacher als befürchtet gelöstem Manschettenproblem antreffen und keine grösseren Schwierigkeiten haben, mich zu vorzeitigem Ende des Tages und zu Schaschlik, Bier und Vodka mit Ihren Familien zu überreden. Dabei lassen sie mich mit grossem Engagement im Laufe des Abends die tiefere Bedeutung des russischen Wortes „Ustal“ (Müdigkeit und Ganzkörperentspannung durch Vodka) erfahren...

Elista, Russland, 12.06.2005 – Russland kommt langsam, aber?

Mit einem Knall erlischt das Licht in dem fensterlosen Raum, die Klimaanlage hört auf zu rauschen. An knapp zwei Dutzend Rechnern blinken LEDs auf, jeder Computer fängt jämmerlich an zu piepsen. Weltuntergangsstimmung. Offensichtlich hält die Notstromversorgung in diesem Internetcafe nicht allzulange, denn zwei der Angestellten hechten von Rechner zu Rechner, um sie runterzufahren. Angestellte Nr. 3 stellt ihre Ein Meter Fünfzig in die Tür, um die Kunden am unbemerkten Abhauen zu hindern, während Nummer vier im Schein ihres Monitors abrechnet. Die Internetverbindung brach sofort zusammen, meine getippte Mail ist weg. Schon in der Gastiniza funktionierten die Fahrstühle nicht, eine Verbindung zu „Strom“ hatte zunächst ich allerdings nicht hergestellt.

Am zweiten Tag umarmt mich Russland, wie ich es etwas befürchtet hatte: Erst nach sieben Milizkontrollen schaffe ich mein Tagesziel und erreiche nach 400 km Weite in Elista. Zwar waren mit einer Ausnahme alle Milizen freundlich. Allerdings gingen mir die immer gleichen Fragen bereits bei der fünften Kontrolle auf die Nerven, so dass ich gereizt beim Wegfahren etwas mehr am Gas zog, weswegen mich Nr. 6 wenige Hundert Meter von Nr. 5 entfernt völlig zu Recht mit „10 Über“ blitzte und das zum Anlass nahm, wahlweise 100 Euro oder mein GPS bzw. meine Kamera als Geschenk zu fordern. Nach eineinhalb Stunden Kasernenhofton und Nix Verstehen lassen sie mich schließlich ohne jede Gegenleistung ziehen.

Dabei hatte der erste Tag so völlig überraschend problemlos angefangen. Ich hatte mich, vorgewarnt durch üble Geschichten über stundenlange Durchsuchungsaktionen und lange Verhandlungen über geforderte Bestechungsgelder in horrender Höhe, mit der ersten Fähre von Kerch nach Russland übersetzen lassen, nur um mich eineinhalb Stunden später etwas verwirrt auf der Strasse wiederzufinden. Die Grenzbeamten waren nicht nur schnell, sondern auch zuvorkommend: Als sich herausstellt, dass mir die Einreisekarte nicht wie vorgesehen auf der Fähre übergeben wurde, habe ich mich schon damit abgefunden, zwei Stunden warten zu dürfen, als einer der Grenzbeamten über den Platz eilt, nein: rennt, um mir eine zu beschaffen. Ferner erhalte ich einen persönlichen Übersetzer und Formularausfüller zur Seite gestellt. Kurz: Das einzige, was am ersten Tag nach meinem Russlandklischee riecht, ist die Fahne meines Übersetzers.

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- Details der Renovierungsarbeiten nach dem Zusammenbruch im Techn. Logbuch aufgenommen (11.08.2013)

- Die technischen Ereignisse einer ca. 10.000 km langen Tour zum Nordkap im Techn. Logbuch aktualisiert (13.07.2012)

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- Interessante Info zur Kostenerstattung von Augen-OPs ergänzt (10.05.2011)

- Techn. Logbuch aktualisiert (21.10.2009)

- Weitere Aufräumarbeiten - Vervollständigung des Archivs (03.01.2008)

- Galerie Naher Osten ist online (21.11.2007)

- Beginn der Aufräumarbeiten - Die Berichte vom Heimweg ins Archiv gepackt (30.09.2007)

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- Die älteren Berichte aus Russland und der Mongolei dahin gepackt, wo sie hingehören (06.11.2005)

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- Bogdan hat die Unterseite ueber die gefahrene Strecke aktualisiert (21.07.2005)

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- Techn. Logbuch aktualisiert (30.06.2005)

- Dauert noch ne Weile, bis meine Fotos online kommen. Aber Joy aus Astrachan hat ein paar Bilder meines Besuchs dort online gestellt (28.06.2005)

- neue Kommentare zu alten Problemen im, na? Wo wohl? (25.06.2005)

- Techn. Logbuch aktualisiert (17.06.2005)

- Gefahrene Strecke aktualisiert (09.06.2005)

- Neue kleinere techn. Probleme (09.06.2005)

- Kein neues Problem im techn. Logbuch! - nur eine gescheiterte Therapie ergänzt. (05.06.2005)

- Aus dem Gästebuch erfahre ich, dass die bis zum 24.05. gefahrene Strecke jetzt online ist :) Update kommt - demnaechst... (05.06.2005)

- Nochmals: techn. Logbuch ergaenzt. (01.06.2005)

- Das techn. Logbuch wird noch zur meistaktualisierten Seite. Nix ernstes bisher, glücklicherweise. (27.05.2005)

- Insbesondere das technische Logbuch und die Seite über die Überholungsarbeiten aktualisiert(18.05.2005)

- Texte der Vorbereitungszeit in das Archiv verbannt (12.05.2005)

ONTHEROAD! (11.05.2005)

- Bild der Resi im Weltreisedress aktualisiert (10.05.2005)

- Kurz vor der Abfahrt nochmal alle Unterseiten aktualisiert, insbesondere Dank verteilt (24.04.2005)

- Karte für grafische Darstellung der Route online gestellt (21.04.2005)

- Fotos der grösseren Änderungsarbeiten am Mopped (englisch - März 2005)

- Aufgrund Nachfrage extra grosse Versionen der Bilder von den Heckarbeiten und als Extra auch vom Endurotraining eingestellt. (27.02.2005)

- Fotogalerie des Eigenbau-Schnellverschlusses (engl.) online gestellt. (11.02.2005)

- Mich doch noch ein wenig im Englischen versucht (11.02.2005)

- Liste der Änderungen am Mopped aktualisiert, Liste der Überholungsarbeiten erstellt. (09.02.2005)

- Versuch, etwas zum Gepäck zu schreiben ohne zu ausführlich zu werden (27.01.2005)

- Liste der Änderungen am Mopped eingearbeitet (26.01.2005)

- Resi bei der Anprobe des Weltreiseoutfits erwischt (18.01.2005)

- Ein Gedicht verlinkt (17.01.2005)

- Noch mehr Senf abgegeben, diesmal zum Thema Abenteurer (16.01.2005)

- Nach der Trennung von Galerien und Textseiten die Bildergalerie Portugal verschoben und neuen Portugaltext produziert (16.01.2005)

- Irgendwie fehlt mir die rechte Motivation, auf Änderungen der Startseite und Detailänderungen hinzuweisen. Deshalb an dieser Stelle ein Pauschalhinweis :) (16.01.2005)

- Einige Bilder auf der Webseite verändert, Galerien sind ab jetzt rechts unterm Polaroid zu finden. (12.01.2005)

- Es lohnt sich, ab jetzt regelmässig reinzuschauen (finde jedenfalls ich)

- Erste-Hilfe- und Schrauberkurse kommentiert

- Bebilderte Berichte vom Endurotraining, vom Tesch-Treffen und ein Foto von Resi

- Biotuningmaßnahmen qualvoll detailliert beschrieben (irgendwann um Weihnachten 2004)

zuletzt geändert am: 11.08.13